Wolfgang Thierse beim Neujahrsempfang der SPD

Deutschland ist ein Einwanderungsland – und zwar nicht erst, seit im Herbst 2015 die Flüchtlinge in großer Anzahl vor unseren Grenzen standen. Auch er selbst, Wolfgang Thierse, sei ein Flüchtling aus Breslau. Eine eindringliche, nachdenkliche und aufrüttelnde Rede hielt der frühere Bundestagspräsident beim Neujahrsempfang der Landkreis-SPD in Gauting vor einem 100köpfigen Publikum, darunter die ehemalige Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (die von der Kreisvorsitzenden Julia Ney in ihrem Grußwort auf ihre Aufrichtigkeit im Amt angesprochen wurde), dem Leiter der Evangelischen Akademie Tutzing, Udo Hahn und Johano Strasser, Mitglied der SPD-Grundwerte-Kommission.

Deutschland steht am Beginn des Jahres 2017 vor großen Herausforderungen: Autokratisch regierte Staaten in der Türkei, in Russland und  jetzt auch in den USA, die EU in  keinem guten Zustand, die internationalen Organisationen oft kraftlos, Angriffe auf die Demokratie nicht nur vor unserer Haustür, sondern auch bereits mitten im Wohnzimmer.

Was können wir tun, damit sich die Einwanderer heimisch fühlen und den Einheimischen das eigenen Land nicht fremd wird?  Dazu braucht es Folgendes: Ansprechen der Dinge ohne Beschönigung, aber auch ohne Dramatisierung und Hysterie; eine rechtlich einwandfreie und menschlich angemessene Behandlung der Flüchtlinge, Grundlage dazu wäre ein dringend benötigtes Einwanderungsrecht; eine offene Debatte darüber, wie dieses Deutschland aussehen soll, in dem wir leben wollen.

10 Punkte führte Wolfgang Thierse an, über die wir uns verständigen müssen, wenn wir – Einheimische wie Zuwanderer –  in Deutschland in unserer pluralistischen Gesellschaft ein Leben in Freiheit führen wollen:
1. Das Grundgesetz und die Menscherechte müssen von allen beachtet werden.

2. Die deutsche Sprache muss gelernt werden.

3. Wir sollten uns Gedanken über unsere Identität machen. Wer sind wir eigentlich? Wohin wollen wir integrieren?

4. Kultur, Religion und Weltanschauung – ein geschichtlich geprägtes Ensemble, das unsere Identität ausmacht. Im Laufe der Jahrhunderte kamen Einflüsse von Außen dazu, auch das prägte unser kollektives Bewusstsein.

5. Jetzt erreichen uns Einflüsse aus dem arabisch-muslimischen Raum, das bedeutet, unsere Gesellschaft wird sich verändern und wir müssen lernen, damit umzugehen. Wolfgang Thierse zitierte Hölderlin: „Das Eigene muss so gut gelernt sein, wie das Fremde.“

6. Wer hier leben will, muss verstehen, was hier geschehen ist: Ausschwitz ist Bestandteil der deutschen Erinnerungskultur und Antisemitismus ist nicht zu dulden, das gilt genauso für die Rechten wie für die muslimischen Zuwanderer.

7. Wir werden über das Nachdenken über Religion, über die christliche wie über andere, nicht herumkommen, wenn wir uns und die Zuwanderer besser verstehen wollen.

8. Dazu ist es nötig, die friedensstiftenden Potentiale der Religionen zu sehen und zu nutzen. Der Islam gehört zu Deutschland, allerdings nicht der gewaltbereite und terroristische.

9. Eine pluralistische Gesellschaft ist keine gemütliche. Toleranz (nicht im Sinne von Laisser-faire und Duldung, sondern von Respekt) und Fairness sind nötig. Darum müssen wir uns  kümmern – nicht nur punktuell, sondern in einem dauerhaften Prozess.

10. In sich geschlossene Staaten ohne den Input von außen und ohne Veränderungspotential werden nicht bestehen können und Wolfgang Thierse als ehemaliger DDR-Bürger weiß, wovon er spricht.
Ängste und Hass überwindet man nicht durch Beschwichtigungen, sondern im ständigen, mühsamen Dialog. Die Artikulation von Besorgnis ist legitim und auch wenn wir sie nicht immer ausräumen können, dürfen wir den Dialog nicht abreißen lassen. Unsere Demokratie hat es verdient, dass wir uns um sie kümmern, gerade auch in schwierigen Zeiten.

Die Zuhörer/innen dankten Thierse mit einem langen Applaus.

 

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