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Gedenken an die Toten – Auftrag für die Lebenden

Vor 71 Jahren – Ende April 1945 – bewegte sich ein Zug von Häftlingen vom KZ Dachau über das Würmtal nach Starnberg und  weiter über Kempfenhausen, Berg  und Aufkirchen nach Wolfratshausen.  Am Mahnmal vor dem Landratsamt in Starnberg wurde gestern an sie erinnert. Johano Strasser aus Berg, Publizist, Schriftsteller und Mitglied der Grundwertekommission der SPD, mahnte die ca. 60 Zuhörer, in der Erinnerung an das NS-Regime und seine Gräueltaten nicht nachzulassen. Die Deutschen haben sich im Laufe der letzten Jahrzehnte intensiv mit ihrer Vergangenheit auseinandergesetzt, in schmerzhaften Prozessen ihre Einstellungen und Handlungen  hinterfragt.  Hätten wir das nicht getan, so Strasser, könnten wir heute nicht diese Rolle in Europa und in der Welt einnehmen. Sind die nach 1945 gewachsene Demokratie, der gewaltlose Bürgerprotest, der zum Fall der Mauer und zur Wiedervereinigung führte, die immense Hilfsbereitschaft gegenüber den Migranten nicht ein Grund, selbstbewusst, gar stolz zu sein?  Nur Menschen, die sich ihrer selbst bewusst sind, können sich und die Vergangenheit kritisch hinterfragen, können Fehler eingestehen und werden selbst das „grauenhaft Unverzeihliche“ nicht verdrängen. Und dennoch gibt es keinen Grund, einen „Schlussstrich“ zu ziehen. Im Gegenteil: angesichts der NSU-Mordserie, der Zunahme rechter Gewalt, deren verdächtig niedriger Aufklärungsquoten, der Verrohung der Sprache – Grund genug, wachsam zu bleiben und nicht zu vergessen, wie leicht Freiheit und Demokratie verspielt werden können. Nichts gereicht einem Volk mehr zur Ehre, so Strasser, wenn es sich seiner Geschichte stellt.  Zum Ansehen der Deutschen in der Welt hat auch beigetragen, dass sie schließlich doch die Verantwortung für die Taten der Vergangenheit übernommen haben, dass alle Versuche, die verbrecherische Vergangenheit zu entsorgen, an der Wachsamkeit der Demokraten gescheitert sind, dass in Deutschland ein Mann des Widerstandes und des Exils Kanzler werden und die Aussöhnung mit den Kriegsgegnern nach Osten hin vollenden konnte, dass sich, mehr als 50 Jahre nach Kriegsende, doch noch eine deutsche Regierung fand, die den überlebenden Zwangsarbeitern des NS-Regimes  eine kleine Entschädigung zugestand, dass jüdisches Leben in Deutschland wieder möglich ist.
Die Menschen, die damals wegschauten, waren „normale Väter, nette Nachbarn, zuverlässige Beamte, verlässliche Freunde“. Gerade aber weil wir aus der Vergangenheit wissen, so Strasser, wozu normale Menschen unter unnormalen Umständen fähig sein können, müssen wir wachsam bleiben und erkennen, wenn sich Menschen ungerecht behandelt fühlen, uns einmischen und  dazwischen gehen, wenn wir Unrecht sehen und die Würde des Menschen bedroht wird.
Es gibt viel zu tun!

Wie in jedem Jahr wurde die Gedenkfeier von der Starnberger Gruppe des Vereins „Gegen vergessen – für Demokratie e.V.“ organisiert. Dieser Verein, der von Hans-Jochen Vogel mitbegründet wurde und in der ganzen Bundesrepublik aktiv ist, hat es sich zur Aufgabe gemacht, an die Opfer der NS-Vergangenheit  zu erinnern und präventiv im Sinne eines „Nie wieder!“ zu wirken. Im Landkreis Starnberg ist Rainer Hange der Ansprechpartner. Neben Johano Strasser sprachen der Vize-Landrat Tim Weidner (siehe www.spd-kreis-starnberg.de), Vertreter der Kirchen, der Israelitischen Kultusgemeinde und der Stadt Starnberg. Sehr beeindruckend schilderte Lena, 9.-Klässlerin aus Starnberg, ihre Eindrücke beim Besuch des KZ Dachau. Umrahmt wurde die Gedenkfeier vom Saxophonisten der Musikschule Starnberg, Stefan Komarek.

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